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Salzburg

Von Amputationen, Bewährungsstrafen und Co. – Das wurde aus Düdelingens Wunderteam

“Düdeldü – Red Bull mit brutaler Bruchlandung”, schrieb die Schweizer Boulevardzeitung “20 Minuten” nach Salzburgs 4:3-Sieg gegen F91 Düdelingen, der das Aus in der Champions-League-Qualifikation bedeutete, da man das Hinspiel mit 0:1 verlor und die Auswärtstorregel noch bestand. Wir alle haben die Bilder noch vor Augen – der unnachahmliche Stolperer von Stefan Maierhofer, der entblößte und gleichzeitig bandagierte Gonzalo Zárate, der sein Tor gegen Düdelingen wie einen Siegtreffer in der Champions League zelebrierte, die mit Seifenblasen jubelnden Gästefans aus Luxemburg und ein Didi Mateschitz, der sich nach dem Schlusspfiff schnellstmöglich in seine Loge zurückzog und höchstwahrscheinlich sein Engagement in Wals-Siezenheim infrage stellte.

Doch seit diesem 24. Juli 2012 ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Ralf Rangnick übernahm fortan das Ruder und schlug prompt einen anderen Kurs ein – der Rest ist bekannt. Doch wie entwickelten sich die Karrieren von den ‘Helden von Düdelingen’? Dem gehen wir in den folgenden Zeilen auf den Grund.

Mit dieser Startelf ging das Team von Chefcoach Didier Philippe ins Rückspiel gegen Salzburg:

Laut transfermarkt.at war Angreifer Aurélien Joachim mit einem Marktwert von 500.000 Tsd. Euro der teuerste Spieler von Düdelingen. Bei den Salzburgern hatte der damals 23-jährige Jakob Jantscher den höchsten Marktwert (vier Millionen Euro).

Der Andi Ulmer aus Luxemburg

Kapitän der Luxemburger war Torhüter Jonathan Joubert. Der 42-Jährige hat seine Karriere, wie einige seiner ehemaligen Mitspieler, noch nicht beendet. Auch heute noch spielt der im französischen Metz geborene Schlussmann für Düdelingen, wobei er in der Saison 2020/21 bei Swift Hesperingen unter Vertrag stand. Aktuell muss der Keeper jedoch wegen einer Achillessehnenoperation bis April pausieren.
Joubert ist mit 462 Pflichtspielen in der luxemburgischen BGL Ligue, in der er bereits 13 Meistertitel feiern konnte, Rekordspieler  – also quasi der Andi Ulmer von Düdelingen. Für die Nationalmannschaft von Luxemburg stand er insgesamt 90-mal im Kasten.

Kung-fu-Mélisse

Links hinten in der Abwehr startete Bryan Mélisse, der im Rückspiel das Tor zum zwischenzeitlichen 2:3 aus Sicht der Salzburger auflegte. Auch der gebürtige Franzose spielt noch aktiv Fußball, im Jahr 2019 wechselte er von Düdelingen zu Hesperingen, wo er seitdem unter Vertrag steht. In der Vergangenheit spielte der heute 32-Jährige unter anderem auch in Deutschland beim SV Elversberg.Mit einer großen, erfolgreichen Karriere wurde es leider nichts. Dennoch sorgte der Abwehrspieler für Schlagzeilen. Im Jahr 2018 traf Düdelingen in der Champions-League-Qualifikation auf Fehérvár FC (damals noch MOL Vidi). Im Rückspiel verpasste Mélisse seinem Gegenspieler in der Schlussphase der Partie einen Dropkick im Wrestling-Stil, wofür er nicht nur mit Rot vom Platz gestellt, sondern auch in den sozialen Medien schnell bekannt wurde. Für die Aktion wurde er im Nachhinein für drei Spiele gesperrt.

Anreise auf eigene Faust

Die Position des linken Innenverteidigers bekleidete Jean-Philippe Caillet, der mittlerweile 44 Jahre alt ist und seine aktive Karriere bereits beendete. Wie sein damaliger Mitspieler Joubert, begann auch Caillet seine Karriere in Frankreich beim FC Metz. Noch vor der Jahrtausendwende wechselte der Verteidiger zu SM Caen, wo er die meisten Pflichtspiele in seiner Laufbahn bestritt (142). Später sollte Caillet wieder nach Metz zurückkehren, von wo aus er zu seiner ersten Auslandsstation aufbrach – im Jahr 2005 ging es zum bulgarischen Klub Litex Lovech. Nach Engagements bei KRC Genk (Belgien) und in Tianjin (China), zog es ihn nach Luxemburg zu Düdelingen. Nachdem man Salzburg in der CL-Quali schlug, traf man in der nächsten Runde übrigens auf NK Maribor. Zum Auswärtsspiel in Slowenien reiste Caillet dann nicht mit der Mannschaft, sondern auf eigene Faust an, weil er vor dem Spiel noch beruflich unterwegs war.
Für Düdelingen absolvierte der Abwehrspieler insgesamt 70 Partien, ehe er seine Karriere beim FC Differdingen 03 ausklingen ließ. Dort ist der Franzose auch heute noch als Funktionär tätig.

Franky Schiemers Leidensgenosse

Caillets Partner in der Innenverteidigung war Julien Tournut, der ebenfalls nicht mehr aktiv Fußball spielt. Die meisten Partien in seiner Karriere absolvierte Tournut in der zweiten belgischen Liga. Dort war der heute 39-Jährige für den Lierse SK und Waasland-Beveren tätig. Gegen Ende seiner Karriere wechselte er nach Düdelingen, wo er über den sensationellen Erfolg gegen Salzburg jubeln durfte. Jubeln durfte er auch über einen Meisterschafts- und einen Cup-Sieg mit Düdelingen.Tournut hätte sich mit Franky Schiemer wohl sehr gut verstanden. Denn ähnlich wie der ehemalige Salzburg-Innenverteidiger, erlitt auch der Franzose während seiner aktiven Zeit einige Platzwunden, wodurch er das ein oder andere Spiel verpasste.

Der Tiramisu-Experte

Für die rechte Abwehrseite zuständig war Jerry Prempeh, der eigentlich auf der Innenverteidiger-Position beheimatet ist. Der 33-Jährige wurde im ghanaischen Kumasi geboren, startete seine Karriere allerdings in Frankreich bei Troyes. Es folgten Stationen in Tschechien, Belgien und der Schweiz, ehe er in Düdelingen landete. Dort bildete er eine Zeit lang mit Tom Schnell das Innenverteidiger-Duo, weshalb der Vergleich mit Tom & Jerry aus der gleichnamigen Zeichentrickserie schnell gezogen wurde. Gegenüber dem “Luxemburger Tageblatt” verriet Schnell zudem, dass Prempeh besonders gut im Zubereiten von Desserts sei. Seine Spezialität: Tiramisu. Möglicherweise kamen Prempehs Mannschaftskollegen nach dem Erfolg über Salzburg ja in den Genuss. Der “Tiramisu-Experte” ist heute übrigens noch immer aktiv und läuft für Swift Hesperingen auf.

“Einen Payal machen”

Gegen Salzburg auf der Doppel-Sechs im Einsatz war Ben Payal. Der gebürtige Luxemburger ist heute 33 Jahre alt, noch immer als Fußballer bei FC UNA Strassen tätig und in seiner Heimat als “Terrier” bekannt. Der Mittelfeldspieler verbrachte seine gesamte Karriere in Luxemburg, sechs Jahre lang war er in Düdelingen unter Vertrag. Dabei wäre er 2013 fast zu Dinamo Zagreb gewechselt. “Allerdings ist es nie dazu gekommen. Ich weiß noch immer nicht, warum”, sagte er in einem Interview mit dem “Luxemburger Tageblatt“. In selbigem Interview wurde auch verraten, was der Begriff “einen Payal machen”, der vor allem bei seinem Ex-Klub Fola Esch noch immer in Verwendung ist, bedeutet: “Montag ist mein Ruhetag. Ich habe das in den meisten Vereinen durchgesetzt. Das ist auch in Strassen so mit Man’ geklärt: Wenn wir sonntags gewinnen, brauche ich montags nicht zu trainieren.” Für die Nationalmannschaft war Payal ganze 74-mal im Einsatz, dabei gelang ihm jedoch kein Scorerpunkt. Auch auf Vereinsebene machte der Terrier nicht gerade mit Toren und Assists auf sich aufmerksam. In 285 Ligaspielen erzielte Payal nur zwei Treffer.

Heimatverbunden

Payals Counterpart auf der Doppel-Sechs, Jean-Sébastien Legros, war da schon torgefährlicher. Der heute 41-jährige Belgier erzielte in seiner Karriere 29 Tore in 156 Pflichtspielen, die meisten davon in der zweiten Liga seines Heimatlandes. Für Legros war das eineinhalbjährige Engagement bei Düdelingen die einzige Auslandsstation in seiner Vita. Seiner Laufbahn setzte er bei RRC Hamoir in der vierten belgischen Spielklasse einen Schlusspunkt. Davor lief er unter anderem für KAS Eupen oder den RFC Lüttich auf, wo der jetzige Coach unter anderem solch sehenswerte Treffer erzielte: 

Bitteres Karriereende

Thierry Steimetz war mit Sicherheit einer der zentralen Figuren in den beiden Spielen zwischen Düdelingen und Salzburg. Der Franzose legte im Hinspiel den Siegtreffer vor und schoss die Bullen im Rückspiel mit einem Doppelpack ab. Bevor es ins Duell gegen Salzburg ging, musste Düdelingen in der ersten Quali-Runde übrigens gegen Tre Penne aus San Marino ran. Steimetz fehlte jedoch beim Rückspiel, weil er bei seinem neuen Arbeitgeber nicht direkt fehlen und sich die Urlaubstage für die Salzburg-Begegnung aufheben wollte.

Im Jahr 2014 wechselte er in die deutsche Regionalliga (vierthöchste Spielklasse) zum FC 08 Homburg. Dort ereilte den Offensivspieler ein tragisches Schicksal: Infolge einer Tumorerkrankung musste ihm der rechte Unterschenkel amputiert werden. Bereits 2015 wurde ihm ein gutartiger Tumor aus der Wade entfernt, Steimetz setzte seine Karriere daraufhin fort. Im Herbst 2016 verspürte Steimetz erneut Schmerzen, diesmal stellten die Ärzte einen bösartigen Tumor fest, was eine Amputation nötig werden ließ. Steimetz blieb dem Fußball jedoch treu und ist als Trainer bei Hombourg-Haut in seiner Heimat aktiv.

Politiker mit Bewährungsstrafe

Daniel da Mota, dieser Name klingt nicht gerade luxemburgisch. Das hat auch einen Grund: Er ist der Sohn portugiesischer Einwanderer, nahm jedoch im Jahr 2007 die Staatsbürgerschaft von Luxemburg an. Den Großteil seiner Karriere verbrachte der Angreifer bei Düdelingen. Von 2008 bis 2017 absolvierte da Mota 246 Pflichtspiele für F91, dabei traf er 73-mal und lieferte 53 Assists. Für Luxemburgs Nationalteam lief er 101-mal auf (sieben Treffer) und rangiert nach Einsätzen damit auf Platz zwei der Rekordspieler. Im Jahr 2011 wurde der 36-Jährige zu Luxemburgs Spieler des Jahres gekürt. Auch heute ist er noch als Fußballer aktiv: Nach einer kurzen Periode in Italien, kehrte da Mota nach Luxemburg zurück und spielt aktuell bei Differdingen 03, dort, wo bereits Caillet seine Karriere ausklingen ließ.Doch nicht nur fußballerisch, sondern auch politisch ist da Mota tätig. Im Herbst 2018 stand er bei der Kammerwahl auf der Liste der rechtskonservativen “Alternativ Demokratischen Reformpartei”. Laut Medienberichten wurde er zudem wegen “Abus de faiblesse” (betrügerisches Ausnutzen der Schwächelage einer Person) zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt.

Der WM-Halbfinalist

Auch Sofian Benzouien ist den Salzburg-Fans noch ein Begriff. Der Marokkanisch-Belgische Doppelstaatsbürger flog im Rückspiel in Wals-Siezenheim mit Gelb-Rot vom Platz, da er trotz eines nicht zu überhörenden Abseitspfiffes weiterspielte und den Ball an Torhüter Alexander Walke vorbei ins Tor beförderte. Mittlerweile hat der sechsfache luxemburgische Meister seine Karriere beendet. Seine letzte Station lautete Swift Hesperingen, wo er aktuell als Sportdirektor tätig ist. Davor spielte er in Belgien, Spanien und Italien und nahm im Jahr 2005 mit Marokko an der U20-Weltmeisterschaft teil, bei der man sogar bis ins Halbfinale vordrang. Dort scheiterte man jedoch mit 0:3 an Nigeria. Im Spiel um Platz Drei musste man sich gegen Brasilien knapp mit 1:2 geschlagen geben. Benzouien stand in jeder WM-Partie über die volle Spielzeit am Feld.

Der Kosmopolit

Zu guter Letzt blicken wir auf Aurélien Joachim, der im Hin- und Rückspiel netzte und in seiner Karriere sehr viel herumgekommen ist. So spielte er zu Beginn seiner Laufbahn bspw. in den zweiten Mannschaften von VfL Bochum und Alemannia Aachen. Im Jahr 2012 wurde er zu Luxemburgs Spieler des Jahres gewählt und lief in Folge unter anderem für ZSKA Sofia aus Bulgarien oder Burton Albion aus England auf. Seine Karriere beendete der 35-Jährige Ende 2021 bei Differdingen 03.Der Stürmer traf während seiner aktiven Zeit laut transfermarkt.at insgesamt 125-mal in 371 Pflichtspielen. Und mit 25 Treffern in der Nationalmannschaft von Luxemburg ist Joachim einer der erfolgreichsten Spieler der Geschichte.

Der Trainer

Coach Didier Philippe wurde noch im November 2012 von Düdelingen entlassen. Seitdem ist der 60-Jährige ohne Verein.

Die Spieler in der Übersicht:

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